Carlos Rasch
Der blaue Planet

Phantastischer Roman
Изображение к книге Der blaue Planet

Verlag Das Neue Berlin

1. Auflage dieser Ausgabe

Verlag Das Neue Berlin, Berlin 1986

Umschlagentwurf: Schulz/Labowski

Printed in the German Democratic Republic

Die Schatten der Heloiden

Die große Steuer- und Befehlszentrale im Zentrum des kreiselförmigen Raumschiffes lag im Dunkeln.

Nur die Streifen breiter Lichtbänder sandten einen matten, vielfarbigen Schein aus. Leuchtzeichen blinkten, Registrierkurven zuckten; Signale zahlreicher Meß- und Regelautomaten.

Kein Geräusch durchdrang die Stille. Nichts in diesem Reich lautlos arbeitender Steuerautomaten deutete auf Lebewesen hin.

Zeitweilig verstärkte sich das Blinken der Leuchtzeichen. Die Leuchtbänder dehnten sich, flossen zusammen und bildeten eine große, helle Fläche. Eine irrlichternde Kette lief im Zickzack über das ovale Rund der Wand.

Warnzeichen der Kyberneten!

Die flinke Lichterkette erstarb ebenso überraschend, wie sie unversehens begonnen hatte. Die Leuchtbänder mit den fremdartigen Zeichen trennten sich wieder. Die Symbole auf ihnen verblaßten. Blitzschnell hatten die Steuerautomaten die Gefahr gebannt.

Jedesmal, wenn das Kreiselschiff eine Zone intensiver kosmischer Strahlung durchstieß, glomm in der Kuppel über dem Raum warnend ein magischer violetter Schein auf. Der Rhythmus der Registrierkurven und der Lichtsymbole auf den Kontrollbändern wurde dann stets rascher oder auch beängstigend fiebrig.

Aber schon kurze Zeit später pulsierten sie wieder in gleichmäßigem Wechsel, Ruhe und Sicherheit ausströmend.

Unvermutet schwangen Laute durch das dämmrige Dunkel, eine Folge hoher Töne. Jemand fragte: „Sil, kannst du deine Kontrollbeobachtungen unterbrechen und mir zuhören?“

Plötzlich war ein langer Schatten da. Er schob sich quer durch die Zentrale.

Wo er verharrte, ballte sich bewegungslos ein zweiter Schatten. Eine neue Serie von Tönen klang auf. „Die Instrumente sagen nichts Beunruhigendes aus. Der Energieschirm vor unserem Raumschiff arbeitet einwandfrei und läßt keine kosmischen Teile durchdringen. Du hast meine volle Aufmerksamkeit, Azul.“

Der lange Schatten schrumpfte zusammen und verharrte ebenfalls bewegungslos. Kaum vernehmbar und nur schwer zu unterscheiden, folgten jetzt rasch und ununterbrochen hohe, sirrende Schallschwingungen, mit denen sich die beiden Wesen verständigten.

„Sil! Ich habe die Winkel zu den Sonnen gemessen und den Bahnbogen unseres Kurses überprüft. Das Ergebnis stimmt mit dem der automatischen Navigatoren überein. Wir stoßen in den Sektor nr. 16 — z 8198 pc vor. Die Mitte des Großen Abgrundes zwischen dem inneren und dem äußeren Arm unserer Sternspirale ist also fast erreicht. Wäre es nicht jetzt schon an der Zeit, eine erkaltete Raumkugel anzusteuern, zu landen und nach Urenergie für die Triebwerke zu suchen? Unsere Treibstoffe sind zwar für den Flug bis zu den Teloiden am Rande unserer Sternspirale ausreichend und erst zum Teil verbraucht. Wir sollten sie aber trotzdem ergänzen. Die Sicherheit für uns ist dann größer. Wer weiß, was uns auf dem Wege dorthin noch bevorsteht.“

Aus der Positionsangabe ging hervor, daß das Raumschiff auf seiner Fahrt von einem Planeten im Inneren der Galaxis zu einem Planeten an ihrem Rande ungefähr die Hälfte des vorgesehenen Weges zurückgelegt hatte und dabei bis weit in das Gebiet des Großen Abgrundes vorgestoßen war. Dieser sternenarmegroße Abgrund zwischen den beiden Hauptarmen der Milchstraße glich einer schwarzen Leere. Das bedachte Sil, bevor er sagte: „Es gibt hier wenige Sonnen und kaum erkaltete Raumkugeln.“

Eine kurze Pause entstand. Sils schattenhafter Gestalt war eine Bewegung anzumerken. Er schaltete ein Gerät ein, und sofort begann ein schmales, längliches Leuchtband zu schimmern. Lichtzeichen glitten flackernd darüber hinweg. Sil las sie. Dann sagte er: „Ich habe errechnet, daß die ›Kua‹ mit der bei uns vorhandenen Urenergie nicht nur die Sterne des äußeren Armes erreichen, sondern von dort durchaus auch noch ein Stück zurückkehren kann. Deshalb meine ich, sollten wir unseren schnellen Flug jetzt noch nicht unterbrechen, jetzt noch nicht.“

Azul fühlte, wie erstaunt Sil über seinen Vorschlag war, bald zu landen. Seine Furcht wuchs. Ich muß Sil überzeugen, dachte er, und er hörte sich sagen: „Je weiter wir in den Kosmos vordringen, um so mehr werden wir die Fluggeschwindigkeit herabsetzen und Umwege machen müssen, weil wir die Lage und Stärke der Gravitationsfelder, die geometrischen Eigenschaften des raumzeitlichen Kontinuums und die Verteilung der Materie in den unerforschten Randgebieten unserer Sternspirale nicht exakt kennen. Diese Vorsichtsmaßnahmen werden uns viel Energie kosten, besonders dann, wenn wir auf Grund unvorhergesehener Umstände die Lichtdruckschleuder, unser rationellstes Triebwerk, nicht mehr benutzen können und wir das altertümliche, die Urenergie verschwendende Atomtriebwerk einsetzen müssen. Die physikalischen Brennstoffe können also viel rascher zur Neige gehen als vorausberechnet. Der Kosmos kann uns jederzeit böse Überraschungen bereiten, für die wir gerüstet sein sollten. Die Vorräte müssen daher rechtzeitig…“

Azul verstummte jäh. Was rede ich da, fragte er sich. Sind das meine wirklichen Gründe?

Da war es wieder, das Grauen.

Plötzlich wußte er, was für eine Furcht in ihm hochstieg, was ihn in der letzten Zeit immer stärker bedrückte: die gefährliche Raumangst!

Je schneller sie flogen, um so mehr ballten sich die Lichtfünkchen der vielen Sterne vor ihnen in eigentümlicher Weise zusammen und nahmen merkwürdige Farben an. Hinter ihnen bot sich das gleiche Bild. Ringsum aber war es schwarz und leer. Kaum ein Stern war zu den Seiten hin sichtbar. Das waren Relativitätseffekte, Erscheinungen ihres fast lichtschnellen Fluges. Ihn fror. Rundherum Finsternis, Bodenlosigkeit, Unendlichkeit, Lautlosigkeit.

Azul unterdrückte ein Stöhnen. Warum hatte die Raumangst gerade ihn gepackt?

Durfte er den anderen seine Schwäche verheimlichen?

Durfte er die anderen damit belasten?

Ich muß mich gegen die Raumangst wehren, muß sie vertreiben} redete er sich ein.

Azul erschrak, als Sil sagte: „Ich habe Gohati aus seinem künstlichen Dauerschlaf geweckt. Wir werden mit ihm beraten, ob wir den Flug unterbrechen. Gohati wird bald erscheinen.“

Azuls Argumente waren der Besatzung nicht neu. Bereits vor dem Start der Expedition waren sie durchdacht und erwogen worden. Sil überlegte. Warum diese Mahnung zur Vorsicht?

Wogen bei Azul die Gründe jetzt schwerer als bisher? Schon zu landen war doch nicht notwendig, trotz aller Vorsicht. Es mußte da wohl noch etwas anderes sein, was er nicht zu erkennen vermochte. Was wird Gohati sagen, wenn er Azuls Vorschlag hört?

Während Sil noch grübelte, glitt ein dritter Schatten durch den zentralen Steuerraum. Er gesellte sich zu den beiden anderen und schrumpfte zu ihrer Größe zusammen. Es war Gohati, der Kommandant.

Die drei Schatten drängten aneinander und umwoben sich zur Begrüßung.

„Gruß unserer fernen Heimat“, sagte Gohati und erkundigte sich nach dem Befinden der beiden, die für alle wachten.

„Glück allem Leben“, erwiderten Sil und Azul. Ohne auf die Frage ihres Kommandanten einzugehen, bedeuteten sie ihm, daß sie seinen Rat brauchten.

Gohati studierte aufmerksam ringsum an den Wänden die Lichtsymbole der Steuerautomatik, die irrlichternden Signalketten und die pulsierenden Kurven auf den Bildschirmen. Er hatte zweiundfünfzig Rotationsperioden geschlafen. Deshalb mußte er sich erst einmal einen gründlichen Überblick verschaffen.

Die „Kua“ flog nahe der Geschwindigkeit des Lichtes, nur ein Zwanzigstel langsamer, stellte er fest. Die Instrumente zeigten auch, daß der Große Abgrund keine Meteoriten und keine kosmischen Staubpartikel hatte. Das Raumschiff konnte daher gefahrlos so schnell fliegen; der Antrieb arbeitete normal; die Geschwindigkeit stieg langsam weiter an. Der Druck dieser ständigen Beschleunigung entsprach einer heloidischen Gravitationseinheit. Er ließ die Raumfahrer ihr Körpergewicht nicht schwerer als auf ihrem Heimatplaneten empfinden.

Einzelne Tonfetzen schwirrten zirpend, von längeren Pausen unterbrochen, durch die Steuerzentrale.

„Wir altern also kaum“, stellte Gohati fest. Er war zufrieden mit der lichtnahen Geschwindigkeit. Die Zeitdilatation wirkte zu ihrem Vorteil.

„Ja“, sagte Azul sinnend, wie zu sich selbst. „Seitdem wir Heloid, unseren heimatlichen Planeten, verlassen haben, vergingen für uns erst sechs Sonnenumkreisungen. Daheim aber sind unzählige Lebensalter vorüber, und Heloid hat bereits viele, viele Male seine Sonne umkreist. Unsere ehemaligen Lebensgefährten, die zurückblieben, sind längst schon alle Vergangenheit. Von unserer Heimat trennt uns nicht nur die unwiederbringliche Zeit, sondern auch der Raum, der lange Weg, die…“

„Wir haben bisher über neuntausend Lichtzeiten zurückgelegt“, unterbrach ihn Sil ernst. Das Zirpen seiner Sprache hatte sich verlangsamt. „Wir sind die erste Expedition, die im Auftrag der Galaktischen Gemeinschaft solche Entfernungen bewältigt“, sagte er stolz.

Diese nüchterne Feststellung verfehlte nicht ihre Wirkung auf Azul. Seine aufkeimende Schwermut war vorerst gedämpft.

Gohati horchte auf. Was war mit den beiden? Er versuchte zu erfahren, was sie bewegte. Doch sie gingen nicht auf seine Frage ein.

Ohne Übergang berichtete Sil: „In der Periode, in der du schliefst, Gohati, gab es einige Vorfälle. So mußten wir beispielsweise manövrieren und den Flug stärker beschleunigen, um einem Kometen auszuweichen. Ein anderes Mal durchschlug ein Partikelchen kosmischen Staubes, ein Mikrometeorit, unseren Energieschirm und streifte das Raumschiff. Eine der kleinen Düsen am großen Radius des Kreiselschiffes fiel vorübergehend aus. Später erlosch das Myonenhirn der automatischen Steuerung und Navigation.

Azul übernahm solange die Steuerung, bis der Schaden behoben und das künstliche Gedächtnis mit allen notwendigen Angaben wieder aufgefüllt war.“

„Und warum habt ihr mich geweckt?“ drängte Gohati.

Azul unterbreitete dem Expeditionsleiter seinen Vorschlag zu landen.

An der Wand leuchtete eine Sternenkarte auf. Die dunklen Schatten der drei Lebewesen wuchsen empor, streckten sich und glitten zur Karte hinüber. Die Unterhaltung der Heloiden wurde lebhafter. Ein ununterbrochener Schwall ihrer Redetöne schwang zur Kuppel des Steuerraumes empor.

„Wo befinden wir uns zur Zeit?“ fragte Gohati.

Azul, erster Astronom und Navigator der Expedition, gab Auskunft: „Wir folgen gegenwärtig einer Linie, die ungefähr sechzehn Parallaxensekunden nördlich der galaktischen Ebene verläuft. Hier sind die Sterne seltener. Südlich der Ebene stehen die Systeme dichter beieinander. Zur Zeit befinden wir uns etwa gleich weit entfernt von dem weißen Stern Sirian, dem roten Tari und dem namenlosen gelben Stern, nämlich sechs Lichtzeiten. Wir sollten uns einer dieser drei Sonnen zuwenden, um in ihrer Nähe nach erkalteten Raumkugeln zu suchen.“

Gohati sann nach. Wie beiläufig sagte er: „Wir müßten den gelben Stern einordnen und ihm einen Namen geben.“

Sil war erstaunt. Er hatte erwartet, daß Gohati sich auf das Wichtigste, auf eine Entscheidung für oder gegen die Landung konzentrieren würde. Statt dessen verblüffte er ihn mit einer solchen Nichtigkeit. Warum wollte der Kommandant diesem unbekannten und unbedeutenden Stern einen Namen geben?

Aber so war Gohati. In Augenblicken großer Gefahr oder bei wichtigen Entscheidungen tat er oft scheinbar Unwichtiges oder sagte Belangloses. Später stellte es sich stets heraus, daß das Unwichtige und Belanglose richtig oder sogar von entscheidender Bedeutung gewesen war. Gohati bewies damit immer wieder eine Überlegenheit, die ihn so hervorragend zur Führung dieser Expedition befähigte.

„Geben wir doch dem gelben Stern einen unserer Namen“, schlug Azul vor. „Wir könnten ihn ›Sil‹ nennen. Alle werden damit einverstanden sein.“

Gohati stimmte überraschend schnell zu.

Sils Schatten zeigte eine heftige Bewegung. Bis zu diesem Augenblick hatte es sich dieser Kosmonaut nicht träumen lassen, daß eines der zahlreichen Gestirne im All einmal seinen Namen tragen würde. Ich habe mich doch weder um die Expedition noch bei der Beobachtung des gelben Sterns besonders verdient gemacht, dachte er verwundert.

„Mir scheint es richtig zu sein, wenn wir im Verlauf der Expedition unsere Namen an die Sterne heften. Das Recht dazu erwächst uns aus unseren Leistungen bei der wissenschaftlichen Eroberung der sternschimmernden Weiten“, sagte Gohati.

„Das waren auch meine Gedanken“, pflichtete Azul dem Kommandanten bei.

„Und nun wollen wir beraten, zu welchem dieser drei Sterne wir uns wenden sollten, falls wir landen“, sagte Gohati. „Was schlägst du vor, Azul?“

Gewonnen, dachte Azul. Aber er empfand dennoch keine richtige Freude. Es quälte ihn, daß er sich noch nicht entschieden hatte, von seiner Raumangst zu sprechen.

„Der hellste dieser drei Sterne ist der Sirian“, begann er mechanisch. „Er leuchtet zwanzigmal so hell wie zum Beispiel der gelbe Stern.“

„Wie ›Sil‹“, verbesserte Gohati lächelnd.

„Richtig. Sirian ist aber nur zwei- bis dreimal größer. Es ließ sich noch nicht feststellen, ob in seiner Umgebung größere erkaltete Raumkugeln vorhanden sind, die für eine Landung geeignet wären. Ich würde dazu raten, den Sirian nicht anzufliegen, denn er ist ein Doppelstern. Unsere astronomischen Beobachtungsgeräte registrierten nämlich eine der gefürchteten zwergenhaften Kompressionssonnen in seiner Nähe. Der Zwergstern könnte uns unangenehm werden. Er hat sowohl eine hohe Temperatur als auch eine sehr große Dichte.

Seine Substanz ist ungewöhnlich stark zusammengepreßt. Dies bedeutet, daß auch die Gravitation nahe seiner Oberfläche enorm sein muß. Kämen wir in seine Nähe, so wären die Triebwerke unseres Raumschiffes auf die Dauer kaum in der Lage, ihm Widerstand zu leisten. Die Düsen müßten auf Hochtouren laufen und ihre volle Kraft wirken lassen. Dennoch könnte uns die weiße Zwergsonne beim Sirian einfangen und an sich ziehen. Sie würde unserem Raumschiff mit ihrer ungeheuren Anziehungskraft ein riesiges Gewicht verleihen.“

Azul verstummte. Ihm kam es zu Bewußtsein, daß er sich zu sehr in Einzelheiten verlor, die ohnehin bekannt waren. Das brachten die langen einsamen Zeiten mit sich, in denen er Steuerwache zwischen der geisterhaft anmutenden Elektronik hielt. Man verfiel dabei oft in ausführliche Gedankengänge, die leicht beim Sprechen zur Gewohnheit werden konnten. Auch seine Liebe zur Astronomie hatte ihn verleitet, sich längeren Schilderungen über die Zwergsonne hinzugeben.

Ich muß mich kürzer fassen, ermahnte er sich und setzte seinen Bericht fort.

„Auch die rote Sonne Tari ist ein doppelsterniges System.

Hierbei, handelt es sich aber um zwei ungefährliche, abgekühlte rote Sonnen. Ihre Oberflächentemperatur ist niedrig. Die beiden roten Glutbälle gehören dem Spektraltyp Me an.“ Gedrängt nannte er Zahlen, Bezeichnungen und Formeln.