SIMON R. GREEN
Über das abenteuerliche Leben des OWEN TODTSTELTZER
Der Legende zweiter Theil
DIE REBELLION

Todtsteltzer – mehr als ein Name.

Es ist ein Vermächtnis.

PROLOG

Am Anfang war das Imperium, und alles war gut. Es war die Zeit des großen Abenteuers der Menschheit, die von ihrer Heimatwelt aufgebrochen war und auf der Suche nach neuen Planeten und Wundern in die unendliche Dunkelheit drängte.

Es war die Zeit der großen Helden und Taten, in der die Menschheit eine Welt nach der anderen besiedelte und die Grenze unablässig nach außen verschob. Tausende von Welten mit Tausenden von Zivilisationen, die hell vor der Schwärze des Alls leuchteten. Das Imperium.

Es dauerte vierhundert Jahre, bis der Verfall einsetzte.

Das Parlament wurde korrupt, die Macht der Versammlung der Lords nahm unaufhörlich zu, man bereicherte sich am Elend der Welten, und der Imperator regierte mit stählerner Faust von seinem Eisernen Thron aus. Die Technologie ermöglichte menschliche Klone und Esper, Wesen ohne jegliche Rechte, die nichts waren als das Eigentum ihrer Besitzer: eine institutionalisierte Sklaverei. Trotzdem war es noch immer ein großartiges Imperium, aber nur für die Reichen und Adligen oder diejenigen, die Verbindungen zu den Reichen und Adligen besaßen. Alle anderen arbeiteten hart, hielten die Köpfe gesenkt und gaben sich Mühe, unbemerkt zu bleiben.

So ging es weiter. Neunhundert Jahre lang.

Als Owen Todtsteltzer die galaktische Bühne betrat, war das Imperium reif für die Rebellion. Owen hatte nie ein Held sein wollen. Trotz der martialischen Tradition seiner Familie hatte er sich stets mehr als Gelehrten denn als Krieger betrachtet.

Aber als die Imperatorin Löwenstein XIV ihn für vogelfrei erklärte und einen so hohen Preis auf seinen Kopf aussetzte, daß seine eigenen Leute der Versuchung nicht widerstehen konnten und ihn zu ermorden versuchten, da blieb Owen keine andere Wahl, als zu fliehen und sich – wenn auch zögerlich – seiner Bestimmung zu stellen. Er verbündete sich mit Hazel D’Ark, Piratin, Klonpascherin und Lebefrau, und gemeinsam flohen die beiden zum Planeten Nebelwelt. Dort trafen sie auf Jakob Ohnesorg, den legendären Berufsrebellen, auf Ruby Reise, die berüchtigte Kopfgeldjägerin, und auf Tobias Luna, einen aufgerüsteten Mann von der verlorenen Welt Haden. Gemeinsam brachen sie auf zu der Welt Shandrakor mit ihren kochenden Dschungeln voller endlosem Blutvergießen, und in der Festung des Todtsteltzer-Clans entdeckten sie Owens Urahn, der seit neunhundert Jahren geschlafen hatte: Giles Todtsteltzer, Oberster Krieger des Imperiums und Schöpfer des legendären Dunkelwüsten-Projektors. Der Erste Todtsteltzer führte die Abenteurer zur Wolflingswelt, wo sie den letzten Wolfling trafen, den einzigen Überlebenden einer durch genetische Manipulation geschaffenen Rasse. Sie durchquerten das Labyrinth des Wahnsinns und wurden von ihm verwandelt, wurden zu weit mehr, als sie vorher gewesen waren.

Sie würden die größte Rebellion entfachen und führen, die das Imperium jemals erlebt hatte.

Zur gleichen Zeit regierte in ihrem Palast, mitten in einem massiven Stahlbunker tief unter der Oberfläche Golgathas, die schöne und verehrte Imperatorin Löwenstein XIV, deren Wort Gesetz war und auf deren bloßen Wink hin Blut floß und Menschen schreckliche Tode starben. An ihrer Seite der Hohe Lord Dram, Prinzgemahl und Oberster Krieger, von einigen auch Witwenmacher genannt, doch niemals in seinem Beisein. An Bord des Raumschiffes Unerschrocken ihre loyalen Untertanen, Kapitän Schwejksam und Investigator Frost. Zu Löwensteins Füßen die Familien des Adels, intrigenspinnend, um die Gunst der Imperatorin buhlend und gnadenlos all ihre Feinde jagend. Löwenstein selbst besaß ihre eigenen Trümpfe und Überraschungen, und sie war gewiß nicht leicht von ihrem Thron zu verjagen.

An den Seitenlinien: die Beobachter, abwartend, wohin der Wind sich drehte. Viele von ihnen würden in die eine oder andere Richtung davongespült werden. Valentin, der Führer des Wolf-Clans, beliebt und mächtig, ein Stutzer und Drogenkonsument legendären Ausmaßes. Kit Sommer-Eiland, von manchen Kid Death genannt, der lächelnde Killer. Und Kardinal James Kassar, der fanatische aufgehende Stern der Kirche von Christus dem Krieger.

Und in den Schatten: die Untergrundbewegungen der Klone und Esper. Auf verlorenen Posten kämpften sie ihre aussichtslosen Schlachten und wagten trotzdem, von Freiheit zu träumen. Sie besaßen Verbündete in den Kyberratten, Lektronenhackern und Unpersonen aus eigener Wahl und in zahlreichen jüngeren Söhnen der Adelsfamilien, die niemals Macht oder Geld erben würden. Hin und wieder stieß sogar ein richtiger Held zu ihnen, ein Mann wie Finlay Feldglöck zum Beispiel, einst als Maskierter Gladiator unbesiegter Champion der Arena, oder auch Mater Mundi, die Weltenmutter, Überesper und unergründlich geheimnisvoll und mit gewaltigen Fähigkeiten ausgestattet.

Die Figuren waren aufgestellt. Die Bühne war bereit. Jetzt fehlte nur noch einer – der, der den ersten Stein hob. Owen Todtsteltzer, der Held wider Willen, war zusammen mit Hazel D’Ark unterwegs nach Golgatha. Die beiden reisten an Bord eines seltsamen goldenen Schiffs, gesteuert von Haldenmännern, den einstigen Feinden der Menschheit – und obwohl die Nachwelt keine Aufzeichnungen über seine Gedanken besitzt, lauteten sie wahrscheinlich: »Warum ausgerechnet ich?«

KAPITEL I
GOLGATHA; ERÖFFNUNGSZUG

Warum ausgerechnet ich? dachte Owen Todtsteltzer, als er sich einmal mehr auf den Weg zur Toilette machte. Er wußte zwar, daß er dort nichts zu erledigen hatte, aber seine Blase war vernünftigen Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen.

Nicht zum ersten Mal machte sie ihre eigenen Vorstellungen geltend. So war es immer, wenn Druck auf Owen lastete und er zuviel Zeit zum Nachdenken hatte. Am Vorabend seiner ersten größeren Rede vor der Imperialen Historischen Gesellschaft hatte er so viel Zeit auf der Toilette verbracht, daß sie sogar jemanden geschickt hatten, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkundigen.

Owen schniefte. Dann betrat er die einzige Toilette des Raumschiffs und zog die Tür hinter sich zu. Der Raum war winzig, und es gab nicht viel mehr als die stählerne Klosettschüssel. Owen öffnete den Reißverschluß und zielte sorgfältig. Er wollte nicht, daß die anderen seine Nervosität bemerkten. Doch das Warten machte ihm zu schaffen. Während eines Kampfes spürte er niemals Nervosität. In der Regel war er viel zu sehr damit beschäftigt, sich vor dem Umgebrachtwerden in acht zu nehmen, als daß er Zeit zum Nachdenken fand. Aber bevor es soweit war, bestand seine Einbildungskraft mit beharrlicher Regelmäßigkeit darauf, ihm all die Wege auszumalen, wie die Dinge ganz entsetzlich schnell ganz entsetzlich schieflaufen konnten. Und seine gegenwärtige Mission, die Reise nach Golgatha, dem bestbewachten Planeten des gesamten Imperiums, in einem goldenen Schiff jener Wesen, die einst offiziell als ›Feinde der Menschheit‹ bezeichnet worden waren, hatte ihm von Anfang an nicht sonderlich behagt.

Selbst wenn man berücksichtigte, daß es seine eigene Idee gewesen war: Allerdings mußte gesagt werden, daß ein Schiff der Hadenmänner die beste Wahl für die beginnende Rebellion war.

Owens eigenes Schiff, die wunderbare Sonnenschreiter, war eines der schnellsten Schiffe des Imperiums gewesen, aber er hatte es an der Absturzstelle zurücklassen müssen: tief in der tödlichen Dschungelhölle von Shandrakor. Und die Todtsteltzer-Festung, das steinerne Schiff seines Vorfahren, war von Anfang an nicht in Frage gekommen. Eine gewaltige Festung mit einem Raumschiffantrieb war alles andere als unauffällig.

Die schlanken, goldenen Schiffe der Hadenmänner jedoch waren genau das, was die Rebellen benötigten – und noch ein Stück mehr. Unglaublich schnell, hervorragend bewaffnet und so ausgezeichnet abgeschirmt, daß es im gesamten Imperium keinen Sensor gab, der empfindlich genug war, um sie zu orten. In der Theorie jedenfalls. Schließlich hatten die Hadenmänner eine ganze Weile in ihrer Gruft geschlafen.

Es gab nur eine Sache, die dem Raumschiff fehlte. Eine Toilette. Anscheinend benötigten aufgerüstete Männer so etwas nicht. Owen hatte darauf verzichtet, weitergehende Fragen zu diesem Thema zu stellen. Er war auch nicht besonders scharf auf eine Antwort gewesen. Als ihm aufgegangen war, daß man ihn und Hazel dazu bestimmt hatte, als freiwillige Repräsentanten der Rebellion die Mission zu leiten, da hatte er lang und lautstark gegen die Entscheidung zu argumentieren versucht – vergeblich. Als er den Disput verloren hatte – was ihm von Anfang an klar gewesen war, noch bevor er überhaupt den Mund geöffnet hatte –, bestand er darauf, daß die Hadenmänner wenigstens eine Toilette an Bord des Schiffes installierten, bevor er auch nur einen Fuß an Bord setzen würde. Das Schiff mochte ja vielleicht unglaublich schnell und stark sein, aber der Trip nach Golgatha würde trotzdem verdammt lang werden, und Owen wußte genau, was für ein Theater seine Nerven und seine Blase während dieser Zeit veranstalten würden.

Also hatte man diese kleine, beengte Kammer eingebaut – speziell für den jungen Todtsteltzer und seine Nerven. Es gab weder ein Waschbecken noch einen Vorleger, von einer Klobrille ganz zu schweigen. Es gab auch kein Toilettenpapier, doch Owen war fest entschlossen, über diese Eventualität nicht weiter nachzudenken. Er musterte sein Spiegelbild im Stahl der Wand vor sich; ein Mann Mitte Zwanzig, groß und langgliedrig, mit dunklem Haar und noch dunkleren Augen. Nicht wirklich weich, aber auch nicht die Sorte Mann, der man lieber nicht in einer dunklen Seitengasse über den Weg laufen mochte. Owen seufzte tief, beendete sein Geschäft, zog den Reißverschluß hoch und verließ die Toilette mit so viel Würde, wie er nur zusammenbrachte.

Obwohl die Toilette nur den minimalsten Komfort bot, so zog Owen ihren Anblick dennoch entschieden den Innenräumen an Bord des Hadenmann-Schiff es vor. Es war nicht gebaut worden, damit Menschen sich an Bord behaglich fühlten, und ein Teil der Geräte an Bord wirkte zutiefst beunruhigend.

Owen konzentrierte sich auf den Rückweg zu Hazel, die mit übereinandergeschlagenen Beinen zwischen zwei rätselhaften Produkten hadenmännischer Ingenieurskunst auf dem Boden saß. Hazel beschäftigte sich damit, ihre neue Projektilwaffe zu zerlegen und zu reinigen. Sie beachtete Owen kaum, als er herbeikam. Hazel D’Ark plagten nie nervöse Probleme. Wenn jemand ihr ein zerstörerisches Spielzeug in die Hände drückte, dann war sie zufrieden wie ein Schwein in der Suhle. Owen ließ sich neben ihr nieder und achtete sorgfältig darauf, nichts zu berühren.

Nirgendwo an Bord fand man so etwas wie Sitze oder Liegen. Statt dessen füllte unvertraute, nichtmenschliche Technologie das Innere vom Bug bis zum Heck, und Hadenmänner waren dort eingestöpselt, wo sie benötigt wurden. Die aufgerüsteten Männer waren Teil des Schiffs, oder das Schiff war ein Teil von ihnen. Sie steuerten es allein mit ihren Gedanken.

Owen und Hazel fügten sich ein, so gut es ging, und versuchten im übrigen, nicht allzu neugierig auf die unverständliche Maschinerie zu starren. Der Anblick schmerzte in ihren Augen.

Lichter gingen an und erloschen, Lichter voll blendender Helligkeit und unvertrauter Farben, und die Umrisse der größeren Schatten waren in der Tat beunruhigend – beinahe, als wollten sie das menschliche Auge an einen Ort führen, wohin es nicht folgen konnte. Owen kauerte sich, so bequem er konnte, auf das kalte Stahldeck und zog die Knie an die Brust. Das Schiff machte ihm angst, und es war ihm egal, ob das jemand bemerkte. Er musterte Hazel. Sie schien vollkommen in ihrer Tätigkeit aufzugehen.

Hazel D’Ark, eine schlanke, muskulöse Frau Anfang Zwanzig, sah stets so aus, als könnte sie im nächsten Augenblick explodieren. Grüne Augen blickten herausfordernd unter einem roten Lockenschopf hervor, und ihr gelegentliches Lächeln kam und ging so rasch, daß es von vielen nie bemerkt wurde.

Wie üblich hatte sie sich wieder einmal mit Waffen vollgeladen. Der Disruptor hing an seinem Platz in dem abgetragenen Hüfthalfter. Die Standardenergiewaffe. Kräftig genug, um jede Stahlplatte zu durchschlagen, vorausgesetzt, die Energiekristalle waren geladen. Und vorausgesetzt, man hatte die zwei Minuten Zeit, die es dauerte, bis der Kristall nach einem Schuß wieder aufgeladen war.

In der zerschrammten Metallscheide quer über dem Boden steckte Hazels Schwert. Das Standardschwert. Schwer genug, um wirklichen Schaden anzurichten, doch mit einer Klinge, die kurz genug war, um die Waffe nicht unhandlich werden zu lassen.

Und vor ihr, über das Deck verteilt, die Einzelteile ihrer Projektilwaffe. Es schienen so viele Teile zu sein, daß man daraus gleich mehrere Projektilwaffen zusammensetzen konnte. Owen hatte nicht gewußt, daß die verdammten Dinger so kompliziert waren.

Seine Gefühle gegenüber den antiquierten Waffen, die Giles aus seinem Arsenal in der Todtsteltzer-Festung zur Verfügung gestellt hatte, waren sowieso eher zwiespältig. Projektilwaffen waren nicht annähernd so durchschlagskräftig oder zielgenau wie Disruptoren, aber sie mußten es auch nicht sein. Schließlich konnten sie mehrere hundert Schuß pro Minute aus dem Lauf pumpen. Es gab auch keine zweiminütige Zwangspause zwischen den Schüssen, und das war ein weiterer Vorteil. Hazel hatte sich sofort in den neuen (oder genauer gesagt: antiken) Waffentyp verliebt und nutzte jede Gelegenheit, seine Vorzüge zu preisen. Sie schleppte gleich mehrere dieser Kanonen mit sich herum, und die Munition dafür beulte jede einzelne Tasche ihrer Kleidung aus. Owen beeindruckte das wenig.

Er selbst trug ebenfalls eine Projektilwaffe, aber bevor er sich ein Urteil bildete, wollte er doch lieber abwarten, wie gut die Waffe in einem kontinuierlichen Feuergefecht abschnitt. Insgeheim war er davon überzeugt, daß Hazel die neuen Pistolen nur deswegen liebte, weil sie so viele Teile besaßen, mit denen sie spielen konnte.

Und wenn es hart auf hart kam, dann war – nach Owens Meinung – noch immer kalter Stahl die einzig angemessene Antwort auf die meisten Probleme. Ein Schwert besaß keine Einzelteile, die verklemmen konnten, ihm ging nie die Munition aus, und es mußte keine zwei Minuten nachladen, bevor man erneut damit zuschlagen konnte.

»Wenn du deine Blase weiterhin so ausquetschst, fällt sie noch irgendwann zusammen«, sagte Hazel leichthin. »Ich habe noch nie jemanden so häufig zur Toilette rennen sehen. Kontrolliere lieber noch einmal deine Waffen. Es ist ungemein beruhigend.«

»Nein, ist es nicht«, widersprach Owen. »An Bord dieses unnatürlichen Schiffs gibt es überhaupt nichts, das irgendwie beruhigend ist. Und das schließt Euch definitiv mit ein, Hazel D’Ark.«

»Du bringst mich immer wieder zum Staunen, Aristo. Ich habe gesehen, wie du dich der größten Übermacht gestellt und in Situationen begeben hast, in denen ich mich nicht für alles Geld von Golgatha hätte befinden wollen. Du stammst aus einer der berühmtesten Kriegerfamilien des gesamten Imperiums – aber jedesmal, wenn wir ein wenig warten müssen, wirst du nervöser als eine Nonne in einem Eheanbahnungsinstitut.«